Plangespräch mit Roland Lenzin

Roland Lenzin, Laufenburg: „Nicht jedes Bauwerk passt zu allen Bedürfnissen - und genau da beginnt Nachhaltigkeit“

15. 01. 2026

„Nicht jedes Bauwerk passt zu allen Bedürfnissen - und genau da beginnt Nachhaltigkeit“

Nachhaltigkeit scheitert selten am technisch Möglichen, aber oft an Entscheidungsprozessen. Roland Lenzin spricht im Plangespräch darüber, warum Aufklärung sein wichtigstes Werkzeug ist, weshalb manche Gebäude besser nicht saniert werden - und warum flexible, ehrliche Architektur die nachhaltigste Form des Bauens ist.

Nachhaltigkeit ist wichtig, klar, doch im Baualltag steht sie selten allein im Fokus. Das Budget und persönliche Vorstellungen der Bauherrin oder des Bauherrn prägen das Projekt oft ebenso stark. Roland Lenzin bringt es offen auf den Punkt: «Die Nachhaltigkeit - wir reden hier von den Aspekten Umwelt, Soziales und Wirtschaftlichkeit - nimmt im Planungsprozess nicht immer die führende Rolle ein, die sie eigentlich sollte.»

Deshalb beginnt seine Arbeit mit Aufklärung. Er zeigt früh auf, welche Entscheidungen welche Folgen haben – für Ökologie, Energiebedarf, Nutzung, Gestaltung und natürlich für das Budget. «Die Bauherrschaft soll wissen, was sie entscheidet und welche Auswirkungen diese Entscheide haben.» Für ihn ist das der Grundstein jedes Projekts. Lenzin weiss jedoch auch: Nicht jede Bauherrschaft kann oder will langfristig planen. Entscheidend ist für ihn, dass sie bewusst entscheidet. «Unsere Beratung ist bei wichtigen Themen so klar, dass niemand später sagen wird: Ich weiss nicht, warum wir das so gemacht haben.»

«Überhaupt liegt der Zauber der Nachhaltigkeit in der langfristigen Beurteilung, über die ganze Lebensdauer eines Bauwerks.», sagt Lenzin. Er bedauert sehr, dass die Finanzierungsinstitute dieses Denken erst wenig in ihre Bewertung aufgenommen haben. Bis sich das ändert, müssen die Bauherrinnen und Bauherren mit anderen Anreizen überzeugt werden, die aber wesentlich höhere Hürden darstellen.

«Wir können uns bis zu einer gewissen Grenze auf Kompromisse einlassen. Aber es gibt Dinge, die wir nach aussen nicht vertreten können.»

Kompromisse – aber mit Haltung

Auch wenn nicht jedes Projekt alle Ideale erfüllen kann, arbeitet Lenzin mit klaren Mindestanforderungen. Nachhaltigkeit ist für ihn kein Add-on, sondern eine Haltung. Seine „Must-Liste“ ist nicht dogmatisch, sondern über viele Jahre gesammelte Erfahrung. Nie verbissen, immer mit dem entspannten Blick auf die jeweilige, immer anders aussehende Aufgabe. Es geht ihm darum, das Gebäude als Ganzes zu verstehen, Materialien bewusst einzusetzen, Flexibilität zu ermöglichen und Entscheide bewusst zu fällen.

«Wir können uns bis zu einer gewissen Grenze auf Kompromisse einlassen. Aber es gibt Dinge, die wir nach aussen nicht vertreten können.» Lenzin versucht dann, Probleme früh im Entwurf zu entschärfen. Eine klare Form, ein überzeugendes Konzept – vieles löst sich dadurch von selbst.

Und manchmal führt es unter Umständen dazu, dass man sich dazu entscheidet, die Zusammenarbeit mit einer Kundschaft zu beenden. «Das passiert allerdings sehr selten. Unser Image nach aussen ist mittlerweile so geschärft, dass wir auch ein bestimmtes Klientel anziehen. Das ist für beide Seiten besser.»

«Sanierungsbedarf im Stockwerkeigentum: Hier hat sich aufgrund der schwierigen Beschlussregelungen ein wahrer Sanierungsstau gebildet.»

Offene Stützenraster sorgen für Nutzungsflexibilität. - Lenzin Partner Architekten AG
Offene Stützenraster sorgen für Nutzungsflexibilität. - Lenzin Partner Architekten AG

Bauen im Bestand - das unterschätzte Potenzial

Beim Thema Nachhaltigkeit sieht Lenzin den grossen Hebel beim Bauen im Bestand. «Der Gebäudepark wird nur zu ein bis zwei Prozent pro Jahr erneuert. Deshalb sind die alten Bauten ein grosses Potenzial. Neue Gebäude müssen durch die Vorschriften eh schon bestimmte Anforderungen erfüllen. Eine besonders grosse Herausforderung werden die unzähligen Liegenschaften im Stockwerkeigentum mit Sanierungsbedarf stellen. Hier hat sich aufgrund der schwierigen Beschlussregelungen ein wahrer Sanierungsstau gebildet. Wir haben uns deshalb darauf spezialisiert.»

Viele ältere Gebäude bieten gute Strukturen für ein zweites Leben. Doch manchmal passen Gebäude und Lebensentwurf schlicht nicht zusammen. Dann sagt er es auch offen. Auch wenn dies bedeutet, dass das den Verkauf des geerbten Elternhauses bedeuten könnte. Ob eine kleine Liegenschaft nur mit hohem Aufwand auf die Bedürfnisse einer fünfköpfigen Familie angepasst werden kann, oder ein Grundstück die Eigentümer in Zukunft zu sehr finanziell, und vielleicht auch betrieblich, belasten wird. 

Es kann dann in zwei Richtungen führen: Entweder man wagt es und überdenkt den bestehenden Projektansatz - oder man entscheidet sich bewusst für einen ganz neuen Weg. Ein Ersatzneubau kann, richtig geplant, ökologisch sinnvoller sein als ein schlechter Sanierungsversuch. Für ihn ist es Teil der nachhaltigen Beratung, dies klar anzusprechen.

Diese Gespräche basieren auf Vertrauen und Kooperation. Architektinnen und Architekten dürfen sich dabei als Treuhänder ihrer Bauherrschaften sehen – gerade weil die grundlegendsten Entscheide oft sehr früh im Projekt gefällt werden.

«Ein Ersatzneubau kann, richtig geplant, ökologisch sinnvoller sein als ein schlechter Sanierungsversuch.»

Gute Raumbehaglichkeit durch natürliche Materialien. - Lenzin Partner Architekten AG
Gute Raumbehaglichkeit durch natürliche Materialien. - Lenzin Partner Architekten AG

Flexible Gebäude – Nachhaltigkeit über Lebensphasen hinweg

Nachhaltigkeit bedeutet für Lenzin auch, Gebäude so zu planen, dass sie Menschen über Jahrzehnte, ja über Generationen, begleiten können. Viele Gebäude scheitern genau daran: Sie sind zu starr, zu kleinzellig, zu unflexibel - und werden deshalb irgendwann teuer umgebaut oder sogar aufgegeben, weil es einfach nicht mehr passt. Aus der Baukultur der 80er und 90er Jahre begegnen wir heute diesbezüglich sehr herausfordernden Bauaufgaben.

Nächste Schritte – und der grösste Hebel

Wenn Lenzin in die Zukunft blickt, sieht er die Chancen vor allem darin, dass vorhandenes Wissen konsequenter umgesetzt werden muss. Denn nachhaltige Systeme, flexible Grundrisse, gute Materialien – all das existiert längst. Was es also braucht, ist eine Veränderung in der Denkweise: mehr Bewusstsein, mehr Bereitschaft, langfristig zu planen, und Bauherrschaften, die sich darauf einlassen.

Gerade im Fricktal fehle aufgrund der Lageklasse oft noch der finanzielle Spielraum, um nachhaltige Lösungen von Beginn an umsetzen zu können. In städtischen Regionen wie Basel und Zürich ist die Ausgangslage anders - dort macht der Markt nachhaltiges Bauen aus wirtschaftlicher Sicht besser möglich.

«Dennoch gibt es keinen Grund verbittert zu sein. Wir haben ja grundsätzlich die Möglichkeiten und wissen, wo die Hürden liegen. Vieles hat sich auch schon in eine gute Richtung gewandelt. Wer das Ziel kennt, findet den Weg.»

Genau hier sieht Lenzin seinen Einfluss: «Wir haben als Architektinnen und Architekten eine wichtige Aufgabe. Die Bauherrschaft kommt in der Regel offen zu uns – und genau dort beginnt unsere Verantwortung: aufklären, abwägen, entscheiden. Gemeinsam.»

Altes weiternutzen, Neues ergänzen. - Lenzin Partner Architekten AG
Altes weiternutzen, Neues ergänzen. - Lenzin Partner Architekten AG

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