«Wir produzieren heute Polyvinylacetat statt Milchpulver» – Plangespräch mit Martin Schneider
Was hat eine ehemalige Milch- und Joghurt-Fabrik mit Zusatzmitteln für Beton zu tun? Bei Mapei Schweiz eine ganze Menge. Geschäftsführer Martin Schneider erzählt, wie viel CO2 sich mit Beton-Zusatzmitteln wirklich einsparen lässt – und warum am Ende oft das Tempo auf der Baustelle entscheidet, nicht die Technik.
Vom Maurer zum Geschäftsführer
Martin Schneiders Weg zu Mapei Schweiz beginnt nicht am Schreibtisch, sondern auf der Baustelle. «Ich habe eine Maurerlehre gemacht und war lange als Polier auf dem Bau», erzählt er – mit Injektionen, statischen Verstärkungen und Abdichtungen kennt er sich also bestens aus. Irgendwann wechselte er die Seite, zunächst in die Anwendungstechnik, bevor er vor 30 Jahren zusammen mit einem Geschäftspartner Mapei Schweiz aufbaute.
Produziert wird seither im freiburgischen Sorens, einem Dorf mit rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern, in dem die Mapei-Fabrik – «sie ist neben der Kirche das grösste Gebäude im Dorf» – nicht zu übersehen ist. Früher stand hier eine Milch- und Joghurtfabrik; Mapei übernahm sie, um die Arbeitsplätze zu sichern, denn, so Schneider: «Milchpulver trocknet man nämlich genauso, wie wir unsere Rohstoffe trocknen.» Heute stellt das Werk rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, also Polyvinylacetat statt Milchpulver her – nicht für Bauherren direkt, sondern für Betonwerke, die daraus und aus Zement ihre eigene Rezeptur mischen. Was am Ende wirklich im Beton steckt, weiss die Bauherrschaft dabei oft gar nicht.
Wie gross ist der Hebel wirklich?
Eine pauschale Zahl, wie viel CO2 sich mit einem Zusatzmittel sparen lässt, kann man laut Schneider nicht nennen – das hänge vom Gesamtmix des Betons ab. Den grösseren Hebel sieht er ohnehin woanders: im Gesamtkonzept eines Projekts statt im Beton allein. «Das fängt bei der Dimensionierung an – wie schlank man ein Bauteil baut», sagt er. «Wer nur den Beton für sich betrachtet, verpasst, wie viel man insgesamt sparen könnte.»
Konkret lässt sich das inzwischen sogar pro Projekt berechnen: Mit Umweltproduktdeklarationen vergleicht sein Team den CO2-Ausstoss verschiedener Varianten – etwa, ob ein dünneres Bauteil am Ende weniger CO2 verursacht. Nur steckt diese Praxis in der Schweiz noch in den Anfängen. «Andere Länder sind da schon viel weiter», sagt Schneider.
Die zwei Bremsen: Kosten und Zeit
Nachgefragt wird nachhaltigerer Beton bisher vor allem von der öffentlichen Hand – doch auch sie stösst an dieselbe Grenze wie private Bauherren. Kostet der umweltfreundlichere Beton 20 bis 30 Franken mehr pro Kubikmeter, «sitzt das Portemonnaie dann nicht mehr ganz so locker», wie Schneider es formuliert. Der Gesamtmix müsse deshalb günstiger werden, nicht nur ökologischer – etwa, indem ein Teil des Zements durch kostengünstigere Zusatzstoffe wie Kalksteinmehl ersetzt wird, ohne dass Leistung und Dauerhaftigkeit des Betons darunter leiden.
Die grössere Bremse ist für Schneider aber der Faktor Zeit. Klinkerreduzierte Zemente reagierten oft langsamer, sie binden träger ab und entwickelten ihre Festigkeit später: «Wo man heute morgens betoniert und am nächsten Morgen schon ausschalt, braucht es mit diesen Zementen ein wenig mehr Zeit.» Genau darin liege die eigentliche Herausforderung auf der Baustelle – «wie schnell kann man ausschalen und weiterarbeiten?»
Wenn Geld die Nachhaltigkeit treibt
Am Ende, glaubt Schneider, kommt der Druck ohnehin automatisch übers Geld: Weil CO2-Zertifikate laufend teurer werden, ist die Zementindustrie zunehmend zu Investitionen gezwungen. «Alle sagen, sie seien bereit», sagt er, «aber wirklich etwas ändert sich meistens erst, wenn es teurer wird und eben übers Portemonnaie läuft.»
Wer CO2 nicht einspart, muss es künftig binden, sammeln, weiterverwenden oder entsorgen – das kostet viel und braucht grosse Investitionen. Wird das immer teurer, sucht man automatisch nach Alternativen und landet am Ende beim gleichen Schluss: Beton nur dort einsetzen, wo man ihn wirklich braucht.
Ähnlich sieht er es beim Recyclingbeton, dem viele allein wegen des Namens unterstellen, er müsse billiger sein. Dabei handle es sich eigentlich um ein Upcycling, eine Kreislaufwirtschaft: «Wir wollen Altbeton wieder einsetzen können», sagt Schneider – auch wenn das, weil der Beton erst aufbereitet werden muss, ebenfalls kostet und in der Praxis noch auf Vorbehalte trifft. Genau diesen Kreislauf zu schliessen, das sei das erklärte Ziel der ganzen Branche.
Können Fasern den Stahl ersetzen?
Ja, sagt Schneider ohne Umschweife: Fasern können einen Teil der Stahlarmierung ersetzen. Bei Bodenplatten heisst das, dass sich grössere Etappen betonieren lassen und weniger Fugen entstehen; bei Kellerwänden oder nicht tragenden Zwischenwänden geht es noch weiter, weil dort keine Aussenwand- oder Autobahn-Anforderungen erfüllt werden müssen und deshalb oft weniger Stahl nötig ist. Die Berechnung falle dann anders aus – «da sind die Ingenieurinnen und Ingenieure gefordert».
In der Praxis passiere das aber noch selten. Genau das Gegenteil beobachtet Schneider oft: «Ich sehe stattdessen oft Over Engineering: Man verbaut mehr Stahl, als eigentlich nötig wäre.» Der Grund liegt für ihn weniger in der Statik selbst als in einer nachvollziehbaren Unsicherheit: Für solche Berechnungen fehlen zum Teil noch klare Normen, weshalb viele Ingenieure davor zurückschrecken. Ingenieurinnen und Ingenieure seien für das ganze Thema Beton und Zusatzmittel zentral, sagt Schneider – deshalb baut Mapei ein eigenes Schulungszentrum auf, in dem man sich mit ihnen austauscht und bei Berechnungen mit hauseigenen Tools unterstützt: «Wer sich vorwagt, braucht jemanden, der hilft – und genau da stehen wir zur Seite.»
Vorwärtsmachen statt warten
Bislang hat Mapei vor allem mit den Verarbeitern zusammengearbeitet; künftig will sich das Unternehmen stärker um die Planer kümmern und sie besser qualifizieren. «Abwarten wäre die bequemere Option gewesen – der Druck steigt ohnehin, irgendwann würde sich die Branche von selbst bewegen, vielleicht erst in wenigen Jahren». Schneider und sein Team haben sich für den anderen Weg entschieden: gezielt schulen, «damit der eine oder andere schon nächstes Jahr umdenkt.